Was passiert
Cybersecurity-Forscher haben eine organisierte Phishing-Kampagne dokumentiert, die sich als Werbeportale für führende AI-Chatbot-Plattformen ausgibt. Betroffen sind Google Gemini, Anthropic Claude, OpenAI ChatGPT, Perplexity, Meta Muse und Manus. Die gefälschten Portale präsentieren sich als legale Dienste zur Kampagnenoptimierung, Ausgabenprüfung und Business-Account-Verwaltung – allesamt Funktionen, die für Werbekunden tatsächlich interessant wirken.
Das Bemerkenswerte an dieser Kampagne ist nicht die technische Raffinesse, sondern die menschliche Komponente. Es handelt sich um eine „human-operated phishing platform", wie die Forscher sie bezeichnen. Das bedeutet: Hinter den Angriffen stehen echte Personen, die jeden Schritt überwachen und kontrollieren. Sie warten nicht darauf, dass Nutzer automatisiert ihre Daten eingeben – sie interagieren aktiv mit den Opfern, was die Chancen auf einen erfolgreichen Zugriff erheblich erhöht.
Die Phishing-Seiten sind bewusst für Geschäftsnutzer konzipiert. Wer sich als Anzeigenkunde anmelden möchte, wird mit professionell gestalteten Interfaces empfangen, die den echten Plattformen täuschend ähneln. Die Angreifer fordern Anmeldedaten sowie Multi-Factor-Authentication-Codes (MFA) ab – also sowohl Benutzernamen und Passwörter als auch die zeitlich begrenzten Codes, die über SMS, Authenticator-Apps oder ähnliche Methoden generiert werden.
Dadurch erhalten die Angreifer Zugriff, der über einfache Accountübernahmen hinausgeht. Mit einem gültigen Passwort und einem aktuellen MFA-Code können sie sofort in die echten Accounts eindringen. Diese Kombination macht die Anschläge deutlich gefährlicher als traditionelle Phishing-Versuche, bei denen der zweite Faktor die Barriere bildet.
Einordnung
Phishing auf AI-Chatbot-Plattformen ist kein neues Phänomen, aber diese Kampagne hebt sich durch ihre Zielrichtung ab. Statt Privatnutzer zu täuschen, konzentrieren sich die Angreifer auf Business-Accounts – also Unternehmen und Werbekunden, die über diese Plattformen Anzeigen schalten oder Services nutzen. Das ist strategisch sinnvoll: Geschäftsaccounts haben mehr Berechtigungen, greifen oft auf sensiblere Daten zu und sind damit wertvoller für Cyberkriminelle.
Die Tatsache, dass Multiple-Factor-Authentication gezielt abgegriffen wird, zeigt ein Verständnis für moderne Sicherheitspraktiken. MFA gilt seit Jahren als Best Practice, um Account-Sicherheit zu erhöhen. Viele Unternehmen glauben, dass die zweite Authentifizierungsebene sie schützt. Diese Kampagne demonstriert jedoch: Wenn der erste Faktor (Passwort) und der zweite Faktor (MFA-Code) auf derselben gefälschten Seite abgefragt werden – und ein Mensch die Codes in Echtzeit einsetzt – versagt diese Strategie.
Besonders tückisch ist die „human-operated" Komponente. Automatisierte Phishing-Kampagnen sind vergleichsweise stumpf: Sie versenden E-Mails mit Links, erfassen Daten, fertig. Menschlich gesteuerte Angriffe passen sich an. Sie können auf Nutzerverhalten reagieren, verdächtige Aktivitäten erkennen und in echtzeit Lösungsstrategien anpassen. Die Angreifer können auch Social Engineering einsetzen – zum Beispiel durch Follow-up-Kontakt, der den Anschein von Legitimität erhöht.
Die Zielplattformen sind nicht zufällig gewählt. Google Gemini, Claude, ChatGPT, Perplexity und andere sind im Business-Kontext weit verbreitet. Unternehmen nutzen diese Tools für verschiedene Aufgaben, weshalb Werbeaccounts häufig sind. Je größer die Basis potenzieller Opfer, desto lohnenswerter wird die Kampagne für die Betreiber.
Was das bedeutet
Phishing wird immer effizienter, weil es nicht an Technik hapert, sondern an Aufmerksamkeit. Ein perfekt nachgeahmtes Portal ist nutzlos, wenn es niemand anklickt. Deshalb setzen Cyberkriminelle jetzt gezielt auf Täuschung im Businesskontext: Sie nutzen reale Schmerzen (Anzeigenverwaltung, Ausgabenoptimierung), um Vertrauen aufzubauen. Sie wählen Plattformen aus, auf denen User ohnehin häufig Logins durchführen. Und sie bedienen sich menschlicher Operatoren, die schnell und flexibel reagieren können.
Für Nutzer bedeutet das: MFA allein reicht nicht aus. Die Sicherheit hängt davon ab, ob man die Quelle einer Login-Anfrage hinterfragen kann. Legitime Portale fordern niemals MFA-Codes auf externen Seiten ab. Das ist die entscheidende Linie: Wenn irgendeine Seite – egal wie professionell sie aussieht – nach einem Passwort UND einem MFA-Code fragt, ist es fast sicher ein Angriff. Der legitime Weg läuft anders: Passwort eingeben, zum echten Portal weitergeleitet werden, MFA-Code dort eingeben.
Das Problem ist nicht die Technik der Angreifer. Es ist die Glaubwürdigkeit ihrer Seiten und die mangelnde Sensibilisierung bei Nutzern. Solange Menschen Phishing-Seiten nicht erkennen, werden diese Kampagnen erfolgreich bleiben – egal wie viele Security-Layer ein Unternehmen aufbaut.





