Was passiert
Agentic Pentesting stellt einen neuen Ansatz in der Sicherheitsbewertung dar: autonome Agenten, die Ziele eigenständig analysieren, Schwachstellen entdecken, validieren und ausnutzen sollen – ohne menschliche Steuerung bei jedem Schritt. Anbieter von Lösungen in diesem Bereich präsentieren das Modell als Nachahmung echter Angreifer: Man zeigt dem System ein Ziel, der Agent identifiziert Angriffspfade, testet sie und dokumentiert die Ergebnisse selbstständig.
Dieses Versprechen ist verlockend für Sicherheitsteams, die unter Ressourcenmangel leiden und Penetrationstests schneller und häufiger durchführen möchten. Der wirtschaftliche Druck ist real: Herkömmliche Penetrationstests sind teuer, erfordern spezialisiertes Personal und lassen sich zeitlich nicht beliebig oft wiederholen. Agentic-Systeme könnten diese Hürde senken.
Allerdings zeigt sich bei näherem Hinschauen: Zwischen dem Pitch und der praktischen Realität klafft eine erhebliche Lücke. Nicht alle Fähigkeiten, die echte Pentester haben, lassen sich in Agenten abbilden. Die Technologie hat Grenzen, die nicht immer transparent dargelegt werden.
Um agentic Pentesting-Lösungen korrekt zu bewerten, stellen sich drei zentrale Fragen: Erstens: Was kann die Bewertung technisch wirklich erfassen? Zweitens: Welche Angriffsvektoren bleiben unsichtbar? Drittens: Wo braucht es noch menschliche Expertise?
Bei der ersten Frage geht es um die konkrete Abdeckung. Agenten können gut strukturierte, automatisierbare Angriffsketten handhaben – bekannte Exploits gegen bekannte Schwachstellen, klassische Netzwerk-Scans, einfache Privilege-Escalation-Szenarien. Sie sind schnell darin, große Mengen an Zielkonten oder Systemen zu durchsuchen. Aber: Viele modernen Angriffe folgen nicht diesem Schema. Sie erfordern Kontext, Improvisation, kreative Pfadfindung und das Verstehen subtiler Geschäftslogik.
Die zweite Frage betrifft die blinden Flecken. Agentic Pentesting hat Schwierigkeiten mit komplexen Social-Engineering-Szenarien, mit Angriffen, die menschliches Urteilsvermögen voraussetzen, oder mit Attacken, die sich über lange Zeiträume erstrecken und auf Geduld angewiesen sind. Auch Zero-Day-Exploits oder vollständig unbekannte Angriffsvektoren werden agentic-Systemen zum Problem – sie arbeiten auf Basis von bekanntem Wissen.
Die dritte Frage ist strategisch: Selbst wenn agentic Pentesting technisch funktioniert, bleibt die Rolle des menschlichen Sicherheitsexperten unverzichtbar. Ein Agent kann einen Exploit durchführen, aber ein Pentester kann erklären, warum diese Schwachstelle aus organisatorischer Sicht gefährlich ist und wie ein realistischer Angreifer sie ausnutzen würde.
Einordnung
Agentic Pentesting ist kein völlig neues Konzept – Automated Vulnerability Assessment und Network Scanning gibt es seit Jahren. Der Unterschied liegt in der Autonomie-Stufe und im Anspruch: Während klassische Scanning-Tools bestimmte Aufgaben automatisieren, sollen agentic Systeme ein vollständiges, eigenständig durchgeführtes Penetrationsszenario abbilden.
Der Marktkontext erklärt das Timing dieser Entwicklung. Cybersecurity-Teams sind überfordert. Der CISO-Druck ist hoch, Fachkräfte sind knapp, und die Erwartung, schneller und häufiger zu testen, wächst. Gleichzeitig hat die Fähigkeit von Large Language Models und Agentic-KI, komplexe Aufgaben zu sequenzieren, einen gewissen Stand erreicht, der diesen Ansatz technisch plausibel macht.
Das ändert aber nichts an der Realität: Echte Penetrationstests sind ein hybrider Prozess. Sie verbinden automatisierte Tools mit menschlichem Verstand, Erfahrung und Intuition. Ein guter Pentester denkt wie ein Angreifer – aber nicht, indem er Algorithmen sequenziert, sondern indem er Szenarien entwirft, auf Widersprüche prüft und opportunistisch Schwachstellen vernetzt.
Agentic Systeme sind aus ihrer Natur heraus nicht opportunistisch. Sie folgen definierten Pfaden, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist. Sie können nicht spontan die Strategie wechseln, wenn sich ein neuer, verlockenderer Angriffsvektor abzeichnet. Sie sehen nicht die organisatorischen und technischen Abhängigkeiten, die einen „schlechten" Exploit zu einer kritischen Bedrohung machen.
Was sich ändert gegenüber früher: Automatisierungswerkzeuge werden intelligenter und autonomer. Das ist nützlich für häufigere Assessments, für die Basishygiene der Penetrationstests. Aber es ist kein Ersatz für spezialisiertes Pentesting-Personal – und sollte auch nicht als solcher verkauft werden.
Was das bedeutet
Der wichtigste Take-Away für Evaluatoren ist pragmatisch: Agentic Pentesting hat seinen Platz, aber nicht als vollständiger Ersatz für menschliches Penetrationstesting – sondern als Ergänzung und Automatisierungsschicht.
Sinnvoll eingesetzt bedeutet das: Agentic Systeme übernehmen die Grundlagen – regelmäßige, konsistente Tests gegen bekannte Schwachstellen, schnelle Scans großer Infrastrukturen, Baseline-Validierungen. Sie sparen Zeit und Geld für die repetitiven Aufgaben. Aber für strategische Penetrationstests, für High-Risk-Szenarien und für die Analyse komplexer Angriffsketten braucht es nach wie vor Menschen. Diese Menschen können mit Agentic-Tools effizienter arbeiten, weil die Routine-Aufgaben delegiert sind – aber die Expertise bleibt zentral.
Der kritische Punkt bei der Evaluierung ist: Fragen Sie den Anbieter nicht, was sein Agent alles kann, sondern was er konkret nicht kann. Die Antwort auf diese Frage ist aussagekräftiger als jede Liste von Features.





