Was passiert
Der 27. Jahreskongress der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) versammelte über 6.000 Teilnehmer unter dem Motto „Claim your ground, lead your business". Der scheidende Vorstandsvorsitzende Jens Hungershausen nutzte die Keynote, um SAP deutliche kritische Punkte zu adressieren – basierend auf der aktuellen DSAG-Investitionsumfrage.
Der zentrale Vorwurf: SAP künde visionaire Lösungen an, doch zwischen diesen Versprechungen und dem realen Mehrwert für Kunden entstehe eine zunehmend größer werdende Lücke. Das betrifft gleich mehrere Themenfelder.
Bei der S4/HANA-Migration sieht die DSAG ein drängliches Problem: 54 Prozent der befragten Unternehmen nutzen noch SAP ECC oder die SAP Business Suite, obwohl die Standardwartung für ECC Ende 2027 endet. Das zwingt viele Betriebe zur Migration – doch der Business-Mehrwert bleibt oft unklar, während Investitionen erheblich sind. Parallel besteht Unklarheit über das richtige Betriebsmodell: SAP bewirbt die Public Cloud als Zukunft, doch On-Premises und hybride Architekturen sind im deutschsprachigen Raum die Realität.
Die DSAG fordert daher unmissverständlich, dass wesentliche Innovationen nicht Cloud-Kunden vorbehalten sein dürfen. SAPs Ankündigung auf der Sapphire, auch ECC- und On-Premises-Kunden bestimmte KI-Szenarien im Rahmen von Rise with SAP bereitzustellen, bewertet Hungershausen als „allenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung". Unternehmen, die S4/HANA lokal betreiben, zahlen Wartungsgebühren bis 2040 – und erwarten dafür angemessene Leistung.
Bei Künstlicher Intelligenz ist die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Realität besonders groß. SAP präsentierte das Konzept des „Autonomous Enterprise", in dem intelligente Agenten Geschäftsprozesse weitgehend automatisieren sollen. Aus DSAG-Sicht zeigt die Vision in die richtige Richtung – doch die praktische Umsetzung bleibt zurück. Die Technologie existiere, erklärte Hungershausen, „zwischen Vision, verfügbaren Lösungen und tatsächlichem Kundennutzen besteht jedoch noch eine Lücke".
Laut Investitionsreport hatten zum Zeitpunkt der Umfrage erst 43 Prozent der Unternehmen KI-Use-Cases implementiert – der überwiegende Teil basierte auf Non-SAP-Lösungen. Konkrete Kundenerfahrungen mit SAPs KI-Assistenten Joule Work und Joule Work Desktop fehlen noch. Hungershausen kritisiert: „Den einfachen Zugang zu KI machen Marktbegleiter einfach besser."
Die DSAG wiederholt die Forderung, dass KI nicht an Cloud-Verträge gekoppelt sein darf. Zugleich müssten Unternehmen Klarheit haben über Produktreife, Integrationsfähigkeit, Erklärbarkeit, Governance, Sicherheit und wirtschaftliche Tragfähigkeit von KI-Lösungen.
Ein positives Signal kam bei Datenqualität: SAP investiere konsequent über Übernahmen von Unternehmen wie Priorlabs, Dremio und Reltio. Das Ziel sei eine vollständige Wertschöpfungskette vom sauberen Stammdatum bis zu nachvollziehbaren KI-Ergebnissen. Allerdings müssten daraus ausgereifte Lösungen mit klaren, belastbaren Roadmaps folgen.
Ein übergeordnetes Problem: Die Komplexität von SAP-Umgebungen wächst. Sie führt zu höheren Betriebskosten, vermehrten Testaufwänden, geringerer Flexibilität, Know-how-Abhängigkeiten und Sicherheitsrisiken. Hungershausen fasste die zentrale Forderung zusammen: „Die Lücke zwischen Vision, vorhandenen Lösungen und echtem Kundennutzen, die muss sich schließen. Sie darf nicht weiter aufgehen."
Einordnung
Die DSAG-Kritik spiegelt ein fundamental verändertes Verhältnis zwischen SAP und seinen Anwendern wider. Lange Zeit folgten große Betriebe SAPs Transformationspfaden relativ folgsam – heute haben Unternehmen mehr Optionen, mehr Wahlfreiheit und weniger Geduld für unausgegorene Versprechungen.
SAPs Cloud-First-Strategie ist strategisch nachvollziehbar: Cloud-Modelle sind für SAP profitabler, vorhersehbarer in der Umsatzplanung und erlauben schnellere Feature-Rollouts. Doch der deutschsprachige Markt ist für Compliance, Datenschutz und Kostenkalkulationen sensibel. Viele große Konzerne und öffentliche Institutionen können oder wollen ihre Kernsysteme nicht in die Public Cloud verlagern – aus regulatorischen Gründen, wegen Datenresidenz-Anforderungen oder schlicht aus ökonomischen Gründen.
Die DSAG-Position ist pragmatisch: „Cloud ist die Zukunft" – aber die Gegenwart von Tausenden SAP-Kunden ist On-Premises. Und genau das muss SAP akzeptieren und entsprechend bedienen, statt diese Kunden zu benachteiligen.
Bei KI wird es noch komplizierter. Generative AI ist ein Hype-Feld mit berechtigten Versprechungen und unrealistischen Erwartungen. SAP hat erkannt, dass KI-Features eine Verkaufsargument sind – doch viele SAP-Kunden finden KI-Lösungen von Wettbewerbern wie Microsoft oder kleineren Spezialisten heute praktikabler umzusetzen. Joule, SAPs KI-Assistent, ist noch nicht ausgereift genug, um diese Lücke zu schließen. Die DSAG fordert daher zu Recht: Belastbare Anwendungsfälle, klare Roadmaps und wirtschaftlich nachvollziehbare Modelle statt Marketing-Versprechen.
Die Komplexitätsfrage ist strukturell. SAP hat über Jahrzehnte Module, Produktlinien und Erwerbungen angehäuft – S4/HANA, SuccessFactors, Ariba, Concur, Analytics Cloud, Dataspaces und mehr. Jedes System hat eigene Logik, APIs und Lizenzbedingungen. Das schafft Komplexität, die IT-Organisationen bremst und Kosten treibt.
Die Forderung der DSAG nach „Harmonialisierung des Produktportfolios" und klarer Architekturstrategie ist keine technische Spielerei – sie ist überlebenswichtig für SAP-Kunden. Sie brauchen nicht immer mehr SAP-Komponenten, sondern ein konsistentes, verständliches, wartbares System.
Was das bedeutet
Die DSAG-Forderungen offenbaren einen Wendepunkt in der SAP-Kundenbeziehung: Anwenderunternehmen wollen nicht mehr primär SAP-Visionär folgen, sondern Verantwortung für ihre eigene Transformation übernehmen. Das ist kein Schlag gegen SAP – es ist eine Reife des Marktes.
Konkret heißt das: Unternehmen werden selektiver. Sie werden nicht automatisch alles upgraden, was SAP anbietet. Sie werden einzelne Use-Cases evaluieren – wird mein Business dadurch besser? Kostet es weniger? Integriert es sich einfach in meine Landschaft? Können meine Teams damit arbeiten? Falls nicht, greifen sie auf andere Anbieter zurück.
Das zwingt SAP zu echtem Produktfokus statt Ankündigungen. Es geht nicht um die Anzahl neuer Features, sondern um Produktreife, Integrationsfähigkeit und wirtschaftliche Transparenz. SAP-Chef Christian Klein hatte 2023 zugesagt, keinen Kunden zurückzulassen – diese Zusage wird an diesem Standard gemessen.
Für SAP-Anwender bedeutet das: Aktiv Klartext reden. Forderungen wie die der DSAG sind nicht Rebellion, sondern notwendige Korrektur eines Marktes, der sich zu sehr auf Hype konzentriert hat. Der Realcheck muss kommen – und er kommt jetzt. Wer diese Signale als Kundengruppe sendet, hat bessere Chancen, gehört zu werden. Die DSAG nutzt ihre Größe und ihren Zusammenhalt dafür klug.





